Blindes Vertrauen

Sylvia Goldammer hat mit ihrem Fingerspitzengefühl schon viele Leben gerettet. Fotos: Christiane Flechtner

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 70.000 Frauen an Brustkrebs. Bei etwa 18.000 von ihnen verläuft die Er-krankung tödlich. Doch es ist wichtig, Brustkrebs so früh wie möglich zu erkennen. Denn lebensgefährlich ist nicht der Tumor selbst, sondern seine Streuung in den Körper.

Blinde und sehbehinderte Frauen verfügen über einen außergewöhnlichen Tastsinn. Bei der Methode nach „discovering hands“ wird sich diese besondere Begabung zu Nutze gemacht: Sie können durch ihre besonderen Tastfähigkeiten bereits sehr kleine Veränderungen im Brustgewebe frühzeitig entdecken. „Mit Fingerspitzengefühl Leben retten“ steht in großen Lettern auf einem Plakat im Eingangsbereich des discovering hands Zentrum Berlin und das eine oder andere Leben hat wohl auch Sylvia Goldammer schon gerettet. Die 57-Jährige ist eine von fünf Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen des Zentrums. „Ich bin zwar nicht komplett blind, habe allerdings nur noch einen geringen Sehrest“, erzählt sie. Bei ihrem Job als Kellnerin im Dunkelrestaurant erfuhr sie über eine Mail des Blindenverbands, dass blinde und sehbehinderte Frauen für die Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin gesucht werden. Nun wurde ihre Schwäche zur Stärke – und die Köpenickerin wurde in einem umfassenden neunmonatigen Training zur professionellen Medizinisch-Taktilen Untersucherin – kurz MTU – ausgebildet. Seit elf Jahren arbeitet sie nun bereits in diesem besonderen Beruf. Ihre Finger erspüren jede kleine Drüse, die Milchleiste, Fett- und Bindegewebe und sogar die Rippen darunter. „Das ist natürlich auch jahrelange Übung“, sagt sie. Schließlich seien ihre Finger durch die Ausbildung und das tägliche Training ganz anders mit dem Gehirn vernetzt. Die Taktilographie dauert zwischen 30 bis 60 Minuten: Haptische Orientierungsstreifen, die auf die Brust gebracht werden, unterteilen diese in mehrere Zonen. Und dann tastet sie erst die eine, dann die andere Brust nach einem standardisierten Verfahren in allen Gewebetiefen ab. Und so kann sie auch kleine Knötchen oder Veränderungen entdecken, die bei den anderen Untersuchungen wie Mammographie oder Ultraschall gegebenenfalls übersehen werden. „Ich spüre mittlerweile recht schnell, wenn sich etwas suspekt anfühlt“, sagt sie.

Generell kommen Frauen fast jeden Alters ins Zentrum, doch lassen mittlerweile auch viele jüngere Frauen um die 30 die Untersuchung durchführen. „Vorsorge ist ihnen sehr wichtig“, sagt die Untersucherin. Ab und zu käme auch mal ein Mann zur Untersuchung. „schließlich können auch Männer Brustkrebs kriegen“, fügt sie hinzu.

Und auch hier ist die Devise: „Je früher, desto besser!“ Werden also bösartige Veränderungen in der Brust durch eine gute Vorsorge rechtszeitig erkannt, können sie durch eine Therapie an der Ausbreitung verhindert werden.

Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Untersuchung. Weitere Infos und Anmeldung unter
www.discovering-hands.de

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