Kongressstadt Berlin

Schritt halten – die Konkurrenz schläft nicht

Ein durchschnittlicher Kongress mit 20.000 Teilnehmern sorgt für 80.000 Übernachtungen. Setzt man 250 Euro pro Nacht an, bedeutet das allein 20 Millionen Euro Umsatz für die Hotellerie, rechnet Willy Kausch vor. Er ist Geschäftsführer der Berliner K.I.T. Group GmbH, eines Veranstalters von Kongressen jeder Größenordnung. Sein Unternehmen ist international aufgestellt, es betreibt seit 2014 auch ein Büro in Abu Dhabi. Etwa 10 Prozent seiner Kongresse finden in Berlin statt.

Kongresse sind ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor der Hauptstadt. Diese konnte sich im vergangenen Jahr erfolgreich gegen andere europäische Mitbewerber durchsetzen und rangiert im weltweiten Vergleich des ICCA Rankings auf Platz 1 im Bereich der internationalen Kongresse, gefolgt von Paris und Barcelona. Die Gefahr besteht allerdings, dass Berlin langsam von anderen Städten – sowohl national als auch international – überholt wird und damit genau dieser Wirtschaftsfaktor geschwächt werden würde. Der Wettbewerb in der Meeting-Branche ist seit jeher groß. Neben deutschen Städten wie Hamburg, Stuttgart, München und Frankfurt steigt auch das internationale Angebot stetig an. Nicht nur Paris, Wien, Barcelona und Rom investieren ins Kongressgeschäft, sondern auch London, Kopenhagen, Amsterdam und Madrid. Europas größtes Convention Center entsteht gerade in Paris durch die Modernisierung und Erweiterung des Paris Expo Porte de Versailles, Investitionshöhe 500 Mio. Euro, inklusive Umbau eines alten Messepavillons in ein viergeschossiges Convention Center mit 5.200 Plenarplätzen.

City Cube, Estrel und ICC

Willy Kausch berichtet, dass die Orte für Konferenzen und Kongresse teilweise für Dekaden im Voraus festgelegt werden. Berlin kann dann z. B. herausfallen, weil der sehr gut gebuchte City Cube mit einer Nutzfläche von 22.000 qm für manche Veranstaltungen schlicht zu klein ist.

Auch das Estrel Congress Center in Neukölln ist sehr gut ausgelastet, wird aber nicht als Kongresszentrum, sondern eher als Hotelkomplex wahrgenommen, so Kausch. Ute Jacobs, Geschäftsführende Direktorin Estrel Berlin, sieht das anders: „Die Tatsache, dass nun auch die internationalen Veranstalter das Estrel Congress Center für sich entdeckt haben, bestätigt die Verleihung des international anerkannten M&IT Awards, mit dem das Estrel Berlin Anfang 2016 als ‚Best Overseas Conference Center‘ ausgezeichnet wurde.“ 2015 hat das Estrel eine neue Kongress-Halle eröffnet und somit seine Kapazitäten auf insgesamt 25.000 qm erweitert. Laut Jacobs finden jährlich 1.900 Veranstaltungen, die einen repräsentativen Querschnitt sämtlicher Branchen sowohl nationaler als auch internationaler Kunden widerspiegeln, statt. Berlin benötigt dennoch dringend weitere Kapazitäten für Großkongresse, so Heike Mahmoud von visitBerlin: „Wir sind zuversichtlich, dass, sobald die Regierungsbildung abgeschlossen ist, die Politik das ICC wieder auf die Agenda setzen und Lösungen entwickeln wird, um Berlin im Tagungs- und Kongressgeschäft noch attraktiver zu machen.“ Ute Jacobs findet, dass eine eventuelle Reaktivierung des ICC in jedem Fall von einem Betreiber durchgeführt werden sollte, der langjährige Erfahrungen und entsprechende Kompetenzen im internationalen Kongress- und Veranstaltungssegment aufweisen kann.

Leuchtturm-Kongresse?

In Berlin finden Kongresse zu ganz unterschiedlichen Themen statt. Viele strahlen auch über die Stadt hinaus. Fehlt Berlin aber ein Kongress mit wirklichem „Leuchtcharakter“ wie die Sicherheitskonferenz in München oder die Welt-AIDS-Konferenz in Durban? Es gibt ja welche, wie den World Health Summit (WHS), eines der weltweit wichtigsten Foren für Gesundheitsfragen, so Willy Kausch (K.I.T.). Medizinische Kongresse fänden in der Regel aber leider keine große Abbildung in den Medien. Besonders im Bereich „Medizin, Wissenschaft und Forschung“ konnte sich die Hauptstadt in den letzten Jahren erfolgreich positionieren, entgegnet Heike Mahmoud (visitBerlin). „So lassen sich 14 Prozent der 62.800 Veranstaltungen im ersten Halbjahr 2016 dieser Branche zuordnen. Zum diesjährigen WHS kamen rund 1.800 Experten, darunter Nobelpreisträger, Minister, CEOs von Unternehmen und Vertreter von NGOs und führenden Universitätskliniken.“ Berlin liegt besonders bei Digital-Kongressen im Trend. Aufgrund der vielen Start-ups sowie großer hier ansässiger IT-Firmen wie Cisco und SAP ist die Stadt ein attraktiver Austragungsort. „Vor allem aus den USA beobachten wir in den vergangenen Monaten eine wachsende Nachfrage“, so Mahmoud. Das Berlin Convention Office (BCO) von visitBerlin geht auch neue Wege bei Eigenveranstaltungen. Für 2017 ist eine „Berlin-Konferenz“ geplant, die die Stadt international in den Mittelpunkt rücken und durch die inhaltlichen Themen und ein einzigartiges Format neue Standards setzen soll.

Wie beurteilen Kongressveranstalter die Situation in Berlin?

Willy Kausch, Geschäftsführer K.I.T. Group GmbH – Foto: K.I.T. Group GmbH

Ganz wichtig sind Direktflüge, wenn es um die Auswahl einer Stadt für einen großen Kongress geht, so Willy Kausch (K.I.T.). „Wenn man z. B. aus Asien nach Berlin kommen möchte, vorher aber noch ein paar Stunden auf dem Flughafen Frankfurt oder München zubringen muss, ist das ungünstig.“ Nach der Einschätzung von Ute Jacobs (Estrel) müsste daher zunächst der Fokus auf die Fertigstellung des BER gelegt werden, „denn aktuell sind uns keine großen Veranstaltungsanfragen bekannt, die aufgrund fehlender räumlicher Kapazitäten, sondern vielmehr wegen fehlender internationaler Fluganbindungen abgesagt wurden.“ Darüber hinaus steht das Problem an, dass die Kapazitäten des BER nicht ausreichen werden und eine Erweiterung wiederum Jahre dauern wird. „Sollte Tegel tatsächlich geschlossen werden, sind große Probleme vorprogrammiert“, so Jacobs. „Hinzu kommt die Frage nach den internationalen Flugverbindungen und -zeiten des BER, die, sofern hier keine Änderungen vorgenommen werden, nach Meinung der Experten mehr als ungünstig sind und sich negativ auf das internationale Kongressgeschäft auswirken würden.“ Für Berlin sprechen natürlich – neben dem hervorragenden Image der Stadt in der Welt – die günstigen Übernachtungspreise. Sie liegen teilweise bei der Hälfte im Vergleich mit Städten wie London und Paris, findet Kausch. „Mit dem visitBerlin Convention Partner e. V. haben wir außerdem ein Netzwerk geschaffen, das den Kunden das umfangreiche Wissen der Berliner MICE-Experten zur Verfügung stellt“, so Heike Mahmoud. MICE steht für Meetings, Incentives, Congress, Events. Der visitBerlin Convention Partner e. V., ein Zusammenschluss von mehr als 100 führenden Anbietern der Berliner Tagungs- und Kongress-Industrie, bündelt Kongressagenturen, Locations, Dienstleister für Technik und Ausstattung, Logistikfirmen, Caterer und Eventagenturen unter einem Dach. „Der Verein setzt sich dafür ein, das Berlin-Angebot für Tagungs- und Kongresskunden weiter auszubauen, den Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen den Mitgliedern zu fördern sowie die Serviceleistungen weiterzuentwickeln.“

Kongresszentren rollen internationalen Kunden den Teppich aus

Foto: Dirk Michael Deckbar

Der Kongress-Markt wächst. Auf globaler Ebene werden in Kongress-Kapazitäten und Hotels gerade vor allem in Dubai, Abu Dhabi, Doha und China investiert. Das verschärft den Wettbewerb auch für Berlin, denn dort könne man teilweise „für ein Butterbrot“ ganze Kongresszentren anmieten, weiß Willy Kausch (K.I.T.). Trotz dieser starken Konkurrenz konnte sich Berlin 2016 erstmals auf Platz eins der weltweit angesehenen Statistik der ICCA für internationale Verbandskongresse positionieren. Die deutsche Hauptstadt zählt damit zur Weltspitze im Kongressmarkt. Um Berlin auch in Zukunft im internationalen Spitzenfeld zu positionieren, könnte die Stadt Kongressen weiter entgegenkommen. Kausch erwähnt ein kostenloses Umwelt-Ticket für alle Teilnehmer oder dass andere Städte das erste Kennenlern-Treffen am Kongress- Vorabend komplett sponsern.

Kommunikation zwischen Kongressveranstaltern und Hotels

Bernd Fritzges, Vorstandsvorsitzender Vereinigung Deutscher Veranstaltungsorganisatoren e. V. – Foto: privat

Storno- und Anzahlungsbedingungen der Hotels sind ein weiteres Thema. Um diese und andere für Kongressveranstalter wichtige Punkte in der Zusammenarbeit mit der Hotellerie ging es bei der Netzwerkstatt FAIRständnis. Gastgeber dieser Veranstaltung im November im Savoy war die Vereinigung Deutscher Veranstaltungsorganisatoren e. V. Laut deren Vorstandsvorsitzendem Bernd Fritzges, selbst Veranstalter der Benefizveranstaltung „Werte 2.0“, würden manche Kongresse in Berlin nicht stattfinden, weil die Hotels keine einheitlichen Stornobedingungen haben und jedes Hotel „sein eigenes Süppchen kocht“. Pullman-Direktor Michael Czernik, seit 2014 Vorstandsvorsitzender des visitBerlin Partnerhotels e. V., sieht das ähnlich und möchte dieses Thema gern im Sinne Berlins weiter voranbringen: Die Marketingsäule „Tagungen, Messen, Kongresse“ des Partnerhotels e. V. engagiert sich seit Jahren stark dafür, die Kongressstadt Berlin und die Partnerhotels auf Messen, Tagungen und Kongressen sowie nationalen und internationalen Roadshows, in Länderworkshops und auf vielen anderen Veranstaltungen zu vermarkten und erfolgreich im MICE-Bereich zu positionieren. Unterteilt in verschiedene Arbeitsgemeinschaften wie z. B. Meeting Place Berlin, Deutschland, UK und Trends, werden von den Partnerhotels zielgerichtet Maßnahmen entwickelt, um eine offensive Akquise von umsatzstarken nationalen sowie internationalen Kunden zu ermöglichen und langfristig eine höhere Auslastung der Hotelkapazitäten zu erzielen. Durch ihr Engagement bringen sich die Partnerhotels aktiv in das Destinationsmarketing der Hauptstadt ein. Anzahlungen stellt ab einem gewissen Volumen keine Seite mehr in Frage, so Fritzges. Frustrierend sei für viele Hotelmitarbeiter hingegen die Anfrageflut von Veranstalterseite. Für manchen Kongress erreichen ein Hotel bis zu zehn Anfragen – von Agenturen, den veranstaltenden Unternehmen selbst usw. Deren Beantwortung bindet unnötig Energien und bietet im Endeffekt preislich keine Vorteile. Eine ganz große Baustelle zwischen Kongressveranstaltern und Hotels ist die Kommunikation, lautet ein weiteres Fazit des FAIRständnis-Organisators..

Foto: Dirk Michael Deckbar

Das Berlin Convention Office (BCO) von visitBerlin vermarktet Berlin weltweit als Standort für Tagungen und Kongresse und akquiriert aktiv Kongresse. Die Zahl der Teilnehmer an Tagungen und Kongressen hat sich in den letzten 15 Jahren fast verdreifacht: Kamen 2001 noch 4,2 Millionen Teilnehmer nach Berlin, waren es 2015 rund 11,37 Millionen (+ 170,7 Prozent). Die dadurch generierten Hotelübernachtungen verdreifachten sich ebenfalls und stiegen von 2,25 Millionen auf 7,5 Millionen. Die Kongressbranche in Berlin erzeugte 2015 einen Gesamtumsatz von 2,31 Milliarden Euro (2001: 0,92 Milliarden, + 151,1 Prozent).

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