Sich immer wieder überraschen lassen

Mehr als 300 Kunstvereine fördern zwischen Nordsee und Alpen zeitgenössische Kunst. Sie sind Netzwerk, Impulsgeber, Vermittler, Bildungseinrichtung und Produktionslabor. Viele bieten Jahresgaben. Was steht dahinter? Das und noch mehr fragten wir die Kuratorin und Kunstvermittlerin Ursula Schöndeling, Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV).

Woher kommen die Kunstvereine?  

Die ersten Kunstvereine entstanden vor 200 Jahren und waren Teil einer Emanzipationsbewegung: Das aufstrebende Bürgertum wollte einen unabhängigen Zugang zu Kunst und den Austausch darüber ermöglichen. Heute bilden mehr als 300 Kunstvereine mit 100.000 Mitgliedern eine der wichtigsten Kunstvermittlungsplattformen des Landes als Teil der demokratischen Zivilgesellschaft. Sie fördern weiterhin zeitgenössische Kunst und den gesellschaftlichen Dialog. 2021 wurde die Arbeit der Kunstvereine in die Liste immateriellen Kulturerbes der deutschen UNESCO Kommission aufgenommen.

Welche Schwerpunkte stellen sich heute die Kunstvereine?

Weiterhin sind die Präsentation zeitgenössische Kunst und der Dialog über aktuelle Fragestellungen das Kernanliegen der Kunstvereine. Marktunabhängig, gemeinnützig, zu mehr 95 % ehrenamtlich.Die Vereine arbeiten eng mit Künstlerinnen und Künstlern aller Generationen zusammen, die wiederum die Medienvielfalt der Kunst widerspiegeln. Das enge Netz von Kunstvereinen, die auch in ländlichen Regionen Kulturangebote sichern, bildet den Rückhalt der Kunst in der Gesellschaft. Wir setzen uns für die Kunstfreiheit ein, denn wir verstehen Kunst weiterhin als Möglichkeit in besonderer Weise, Impulse der Gegenwart aufzunehmen und über den Ist-Zustand hinaus zu denken. Und last not least in Zeiten von Sparhaushalten ist auch der Einsatz für die Förderung der Kunstvereine gefragt.

Wer engagiert sich in den Kunstvereinen?

Mitglieder, Teams, Vorstände und Mitarbeiter teilen das Interesse an Kunst und Kultur. Es ist längst nicht mehr nur das klassische Bildungs-Bürgertum, denn es engagieren sich neue Publikumsgruppen, die tatkräftig mitwirken. Es sind Menschen, die neugierig und offen sind, sich gern überraschen lassen, Freude am Kunstwerk empfinden und den Dialog – gerade auch in dieser herausfordernden Zeit – suchen. Kunst mischt sich ein, provoziert, kann Brücken bauen, Räume öffnen und Sichtweisen inspirieren. Das stärkt die Zivilgesellschaft. Ich freue mich, dass sich gegenwärtig in vielen Kunstvereinen ein Generationswechsel vollzieht und auch immer mehr Frauen Leitungsaufgaben übernehmen.

Seit wann gibt es Jahresgaben? Und welcher Grundgedanke steht dahinter?

Die Jahresgaben gibt es seit Anbeginn der Kunstvereine. Schon damals wurden Werke ausgestellt und verkauft. Kunstwerke wurden verlost, sogar Aktien konnten die Mitglieder kaufen. Auch heute offerieren die Kunstvereine Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die mit dem jeweiligen Verein verbunden sind. Der Verkauf der Jahresgaben ist Teil der Finanzierung der Vereine und kommt auch direkt den Kunstschaffenden zugute.

Wer entscheidet, welche Jahresgaben präsentiert und verkauft werden?

Natürlich die Kunstvereine vor Ort, in Absprache mit den Künstlerinnen und Künstlern.

Wer pflegt die Kontakte zu den Künstlerinnen und Künstlern?

Kunstvereine legen keine Sammlungen an, sie sind echte Ausstellungsmacher. Das ist herausfordernd, aber auch eine große Chance: Mehr als 300 Kunstvereine arbeiten ständig mit Künstlerinnen und Künstlern an neuen Ausstellungen. Viele bekannte Kunstschaffende zeigten ihre Werke zum ersten Mal in Kunstvereinen.

Welche Kunstrichtungen sind besonders gefragt?

Die aktuelle künstlerische Vielfalt findet sich auch in den Jahresgaben. Ein paar Beispiele für diese Formen- und Genrevielfalt sind z. B. Klangarbeiten, die als Schallplatten oder digitale Formate zu haben sind. Das gleiche gilt für Filme. Traditionelle Formate wie Fotografie, Malerei, Grafik, Drucke bilden weiterhin den größten Anteil. Editionen sind preisgünstige Angebote auch für den kleinen Kleinbeutel. Dazu gehören originelle Dinge wie bspw. künstlerisch gestaltete Basecaps. Interessant ist, dass viele Kunstvereine künstlerische Experimente ermöglichen. Sie konzipieren Ausstellungen, die den Nerv der Zeit treffen, sich mit den aktuellen Problemen der Zeit beschäftigen. Partizipative Projekte, die das Publikum miteinbeziehen gewinnen an Bedeutung. Das alles zeigt, dass sich die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ständig erweitern.

Gibt es einstige Jahresgaben, die heute hoch gehandelt werden? Auch Gerhard Richter hat mal klein angefangen …

Die gibt es sicher, aber der Markt ist unberechenbar. Renditeerwartungen könnten enttäuscht werden. Sicherer ist es, sich auf sich selbst und die eigenen Vorlieben zu verlassen. Der Kauf von Jahresgaben ist eine direkte Unterstützung der Vereine und Künstler. Jahresgaben sind Teil zivilgesellschaftlicher Kulturförderung, die gerade besonders wichtig ist.

Das Gespräch führte Brigitte Menge.

www.kunstvereine.de

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