Liebesbriefe an den Körper

Foto: Sandra Felke

Es ist Frühling! Und schon füllen sich die Rubriken der Zeitungen und Zeitschriften mit Diäten von FDH und Kohlsuppenzeit über Trennkost und Stoffwechselkuren bis hin zu Saftfasten oder gar Pulvermahlzeiten. Lasst es sein, das bringt nichts, weiß Steffi Faigle.

Nach einer 30jährigen Abnehm-Odyssee vom adipösen Kind über die essgestörte Jugendliche bis hin zur Erwachsenen auf Dauerdiät mit Sportsucht und Heißhungerattacken hat sie ihre Diät-Kampf-Jahre hinter sich gelassen und weiß, wie es funktioniert, dauerhaft schlank zu werden und vor allem zu bleiben. Gerade ist ihr Buch „Kalorien können mich mal“ erschienen. Wie geht das? Die Zweifach-Mama und trockene Bulimikerin plaudert aus dem Nähkästchen, auf dem steht: Genieß Dich schlank!

Noch nie haben wir so viel über Ernährung geredet und geschrieben, und noch nie gab es so viele Menschen, die mit ihrem Gewicht kämpfen. Machen sich viele nicht mehr Gedanken um das, was sie NICHT essen (wollen) statt umgekehrt?
Das ist ambivalent. Zum einen sind Körperbewusstsein und Mental Health positiv, zum anderen liegt darin vor allem seit den immer stärker werdenden Einflüssen von Social Media eine große Gefahr. Der ständige Vergleich mit einem Ideal – was immer das auch ist und wer immer das auch propagiert – führt schnurgerade in den Diätenwahn. Nicht nur bei Jugendlichen, auch gestandene Frauen und Männer in Führungspositionen unterliegen dem Druck, nicht nur Inhalte abzuliefern, sondern auch mit ihrer Person überzeugen zu wollen. Um es deutlich zu sagen: Hätte es Social Media in meinen Diät-Kampf-Jahren gegeben … ich bin mir nicht sicher, ob ich heute noch hier wäre.

Wann haben Sie Ihre erste Diät gestartet?
Mit elf Jahren.

Wie viele waren es insgesamt?
Unzählbar. Ich war ständig in Diäten und habe mich auf alles gestürzt, was gerade angesagt war. Am schlimmsten waren sieben Jahre Bulimie und neun Monate Magersucht. Das allerdings sind keine Diäten, sondern Essstörungen, die lebensgefährlich werden können.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu gebracht hat, den Teufelskreis – den Sie als Jo-Jo-Achterbahnfahrt beschreiben – zu durchbrechen und zu sagen: Schlank hat nix mit Essen zu tun.
Diesen Moment werde ich nie vergessen, und noch immer bewegt er mich tief emotional. Ich war 30 Jahre alt und zum ersten Mal Mama geworden – ein Wunder, weil ich bis dahin durch meine „Ess-Kapaden“ nie einen Zyklus hatte und mein Körper in einem desolaten Zustand war. Ich saß bei meinem Hausarzt. Der redete Klartext mit mir, was in der Aussage gipfelte: „Wenn Sie jetzt nicht anfangen, g’scheit zu essen, werden Sie keine 60 Jahre alt.“ Ich war ausgebildete Ernährungsberaterin und hörte mich fragen: Und wie geht g’scheit essen? Plötzlich spürte ich in mir dieses starke Antriebsgefühl, den Ehrgeiz, nie mehr eine Diät zu machen. Ich wusste ja, dass jede Diät die Nahrung künstlich verknappt. Und was passiert im Körper? Er signalisiert Hungersnot. Unser schlauer Organismus schaltet auf Reserve, drosselt den Verbrauch und bunkert Energie für offenbar schlechte Zeiten. Es musste doch noch eine andere Lösung geben!

Und wie sieht die aus? Was steckt hinter dem Satz: Die Kalorien können mich mal!
Auf den Punkt gebracht: Schlank beginnt im Kopf und zeigt sich erst danach auf der Waage. Es geht darum, Verhaltensmuster aufbrechen, um Neuem Platz zu machen. Auf diesem Weg helfen ehrliche Antworten auf Fragen: Warum esse ich? Wie oft greife ich zum Essen als Ersatzdroge bei Stress, Einsamkeit, Druck, Langeweile …? Warum esse ich so schnell? Warum esse ich weiter, obwohl ich längst satt bin? Bei der Suche nach Antworten ist man schnell bei den Emotionen. Was steckt denn hinter meinen Fress-Attacken? Die Antworten darauf werden dann zu Liebesbriefen an den Körper, auf dessen Bedürfnisse wir oft verlernt haben zu hören. Sie machen sich auf den Weg in unser Inneres und verlassen ganz schnell das zwanghafte und unsinnige Zählen von Kalorien.

Das klingt nicht kompliziert. Warum funktioniert Ihre Strategie?
Weil sie sich von innen nach außen bewegt, sprich vom Kopf in den Körper. Es geht darum, die eigene Einstellung und die innere Haltung zur eigenen Person, dem eigenen Körper und dem Essverhalten von rechts auf links zu drehen. Das ist ein Prozess, der oftmals Geduld und auch Begleitung braucht, aber am Ende belohnt wird, denn da steht: dauerhaft schlank. Die Strategie funktioniert außerdem, weil sie Essen nicht verteufelt, sondern den Genuss und die Gemeinsamkeit feiert. Denn: Wir essen nämlich nicht zum Spaß, aber bitte gerne mit Spaß.

Was raten Sie Frauen beim Eintritt ins Klimakterium, wenn der Körper den Stoffwechsel umstellt und postet: Reserven anlegen?!
Warum nur Frauen? Es ist immer die beste Idee, auf den Körper und seine Wünsche zu hören. Da stehen oft Ruhe, Zeit für sich selbst, Selbstwahrnehmung statt ständigen Kreisens um To-do-Listen. Das Wort Achtsamkeit wird viel gebraucht, aber es beschreibt treffend, dass wir uns um das kümmern sollen, was unserem Körper guttut. Was braucht er wirklich? Und spätestens in dieser Lebensphase sollten Frauen und Männer körperliche Veränderungen nicht nur einfach akzeptieren, sondern wertschätzen. Alles im Leben hat seine Zeit.

Und zum Schluss noch mal Hand aufs Herz: Wie oft denken Sie heute am Tag an Essen?
Ständig, denn ich spreche den ganzen Tag über Essen. Ich arbeite dafür, anderen ein gesundes Essverhalten zu vermitteln. Persönlich höre ich auf meinen Körper und esse nur, wenn er mir Hunger signalisiert. Gewichtsprobleme habe ich längst nicht mehr.

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